Menschen 2012 aus der
WAZ
Eine Kämpferin trifft ihren Lebensretter von der Feuerwehr
Hagen-Mitte.
Vor knapp einem Jahr stand sie auf einmal mitten im
Aufenthaltsraum der Feuerwache Mitte. Die Kameraden waren gerade zum
Frühstück zusammengekommen. „Ich wollte mich nur kurz bedanken“, sagte
Alexandra Biederbeck damals.
Es war einer der ersten Tage, an dem sie ihr junges Leben wieder
genießen konnte. Einer der ersten Tage, an denen sie begann, so etwas
wie Dankbarkeit für dieses Leben zu empfinden. Davor lag eine andere
Zeit. Eine, in der sie sich zurückgekämpft hat in dieses Leben. „Zwei
Jahre Schmerzen“, sagt Alexandra Biederbeck, „manchmal hat mich das
alles nur noch angekotzt. Warum haben die mich nicht einfach sterben
lassen? Das habe ich mich oft gefragt.“
Alexandra
lebt. Überlebt hat sie, weil Einsatzleiter Alexander Zimmer von der
Hagener Berufsfeuerwehr und seine Kameraden sie zurück in ihr Leben
geholt haben. Jemanden sterben zu lassen – diese Option haben die Retter
nicht. „Alexandra ist ein Beispiel dafür, dass es sich lohnt, um Leben
zu kämpfen“, sagt Zimmer.
Außergewöhnliche Maßnahmen
Sie
lebt, weil der Einsatzleiter und seine Kameraden außergewöhnliche
Maßnahmen ergriffen haben – genau in jenem Moment, als es erforderlich
war. „Heute bin ich dafür unendlich dankbar“, sagt Alexandra Biederbeck.
Das Golf-Cabriolet von Alexandra Biederbeck war nach der Kollision mit einem Linienbus stark beschädigt.
Rückblende: 11. November 2009.
In
ihrem lilafarbenen Golf-I-Cabriolet fährt Alexandra Biederbeck, damals
gerade 19 Jahre alt geworden, auf der Bundesstraße 54 von Hagen aus in
Richtung Dahl. In einer leichten Rechtskurve verliert sie aus bis heute
ungeklärter Ursache die Kontrolle über ihr Auto. Das Fahrzeug gerät auf
die Gegenfahrbahn und wird frontal von einem Bus der Hagener Straßenbahn
erfasst.
„Um 17.47 ist der Notruf bei uns
eingegangen“, sagt Alexander Zimmer. Er war zusammen mit der
Freiwilligen Einheit aus Dahl zuerst an der Unfallstelle im Volmetal.
„Alexandra war zwischen Sitz und Lenkrad eingeklemmt“, erinnert sich der
Feuerwehrmann, „eine Atmung war nicht mehr vorhanden, an eine
Wiederbelebung in der Situation nicht zu denken. Wir mussten handeln.“
Crash-Rettung
Crash-Rettung
heißt die Maßnahme, bei der es darum geht, ein Unfallopfer möglichst
schnell aus einer Zwangslage zu befreien. Mit einer hydraulischen Schere
schneidet Zimmer das Lenkrad ab. Der Brustraum ist befreit. Alexandra
bleibt bewusstlos. Aber wie durch ein Wunder setzt die Eigenatmung
wieder ein. Alexandras Herz schlägt schwach – aber es schlägt.
Trotzdem
glaubt Zimmer in diesem Augenblick noch nicht, dass das junge Mädchen
überleben wird. Zu schwer scheinen die Verletzungen: verschiedenste
Brüche und eine schwere Hirnverletzung. Zwei Notärzte und ein
Feuerwehrarzt kämpfen um ihr Leben. Mit einem Rettungswagen wird
Alexandra ins Allgemeine Krankenhaus gebracht. Um ein Hirnödem zu
verhindern, muss die Schädeldecke angehoben werden.
Vier Wochen im Koma
Vier
Wochen liegt Alexandra im Koma. Dann wacht sie erstmals auf. Erinnern
kann sie sich daran nicht. „Mehr als ein komplettes Jahr ist wie von der
Festplatte gelöscht“, sagt sie, „das Letzte, was mir noch im Kopf ist,
ist mein 18. Geburtstag.“ Den hatte sie mehr als zwölf Monate vor dem
Unfall gefeiert.
Erst nach und nach beginnt das Gehirn wieder,
Eindrücke abzuspeichern. „Ich weiß noch, wie ich mich gefragt habe,
warum ich im Urlaub bin und mein Vater nicht bei mir ist“, sagt
Alexandra. „Das war in der Reha-Klinik in Hattingen. Ich dachte
ernsthaft, ich würde dort Ferien machen.“
Sprechen lernen
Was
ihr durch den Kopf geht, kann sie nicht in Worte fassen. Sprechen muss
sie erst wieder mühsam lernen. Die Motorik funktioniert nicht. An Laufen
ist nicht zu denken. „Ich habe das nicht eingesehen, musste im Bett und
im Rollstuhl fixiert werden“, sagt Alexandra Biederbeck.
Siebenmal muss sie operiert werden. „Aber ich bin zäh“, sagt sie über sich selbst. „Ich habe in dieser Zeit viel gekämpft.“
Alexandra
ist zurück im Leben, doch Folgen des schweren Unfalls bleiben: Die
junge Frau, die sich als Dachdeckerin im zweiten Lehrjahr befand, wird
nie wieder auf einem Dach arbeiten können. „Das ist das Schlimmste für
mich“, sagt sie, „Dachdecker war mein absoluter Traumberuf.“
Träume bleiben
Momentan arbeitet sie in der Werkstatt des Caritasverbandes in Wehringhausen und poliert Autos. „Die Arbeit macht mir Spaß.“
Und
Träume bleiben: Der von einer Karriere als Schauspielerin zum Beispiel.
Oder der von einer Ausbildung zur Erzieherin: „Ich mag Kinder“, sagt
sie. „In einem Kindergarten zu arbeiten – das wäre mein Ding.“
Das ist einer ihrer Wünsche für das neue Jahr.